OT: Fight Club
USA 1999 - 135 Min. - 2,35:1 - David Fincher
"Du hast mich in einer seltsamen Phase meines Lebens getroffen."

David Fincher
zählt gegen Mitte/Ende der 1990er Jahre zu einer
neuen Generation von Film-Regisseuren, den
"jungen Wilden" Hollywoods. Mit seinen Arbeiten Alien³, Sieben und The Game konnte er dies schon ansatzweise deutlich
machen. Mit Fight Club allerdings setzt er
Maßstäbe, was die Definition des Begriffs "wild"
angeht. So entfesselt und anscheinend von Mainstream-fokussierter Studio-Hierarchie
unbeeindruckt hat man selten einen Filmemacher
an die Arbeit gehen sehen.
Dieses Werk, dass bis heute den vorläufigen Höhepunkt in seiner
Filmographie darstellt, bricht mit den meisten
der momentan gültigen Traumfabrik-Regeln und
präsentiert sowohl visuell, akustisch
(Oscar-Nominierung!) als auch inhaltlich endlich
mal wieder filmische Güter, wegen derer die
Amerikaner (und um diese geht es ja leider in
erster Linie) gerade
nicht
ins Kino gehen. Das ist wohl auch der Grund
für das Box-Office-Scheitern von Fight Club in Übersee, wahrscheinlicher aber ein
untrügliches Zeichen für den allgemeinen
Wert des Filmes. Irgendwann wird auch der
Rest der Welt bemerken (manche früher,
andere später), dass hier ein wahrlich
wegweisender Klassiker geboren wurde.
Was
soll man da noch sagen? Sitzt man doch
angesichts dieses Geschosses von einem Film
sprachlos im Kinosessel. Das Faszinierendste
ist die Auflösung der Geschichte am Schluss,
welche den Zuschauer förmlich zwingt, das
Werk gleich noch einmal zu sehen. Es handelt
sich um eine der leider viel zu seltenen,
überraschenden Pointen, die einen das
vergangene Geschehen der letzten gut zwei
Stunden noch einmal komplett aus anderer
Sicht überdenken lassen. Bestes Beispiel dafür
ist Alan Parkers Angel Heart. Fight Club kratzt jedoch eindrucksvoll mit
seinem brutal konsequenten Höhepunkt an
diesem Genialitätsthron. Wenn man dann vor
diesem Hintergrund den Film ein zweites mal
sieht, fallen einem bereits die vielen
Anspielungen bezüglich des Endes auf, welche
absolut meisterhaft über die gesamte Länge
des Werkes verstreut sind. Viele
Kleinigkeiten bleiben dann auch im
Gedächtnis des Betrachters haften,
Kleinigkeiten, die in ihrer Gesamtheit die
Größe dieses Filmes ausmachen: Der an
Hodenkrebs erkrankte Bob (Rocksänger Meat Loaf) zum Beispiel, ein unbeholfener
Klops, der im Rahmen seiner Krebstherapie
durch starke Hormone riesige Brüste
entwickelt hat (treffend im
amerikanischen Original: "Bitch
tits") und sich einfach nur nach etwas Zuneigung sehnt,
welche er im Fight Club dann endlich auch
findet. Bob ist übrigens eine der insgesamt nur
zwei Figuren, die während der Geschehnisse ihr
imaginäres Leben lassen. Diese Tatsache ist
besonders vor dem Hintergrund interessant, dass
Kritiker dem Film übertriebene
Gewaltdarstellung vorwerfen. Ein Grund dafür,
dass er in Deutschland mit der FSK-Freigabe "Ab
18" ins Kino kam.
Weiterhin der Gang des Erzählers Edward
Norton
durch einen
virtuellen Ikea-Katalog, der wunderbar
die gleichzeitige Konsum-Abhängigkeit
als auch die in seinem Fall daraus
resultierende Rebellion dagegen
verdeutlicht. Im Übrigen ist der Film,
wie bereits kurz erwähnt, visuell mehr
als beeindruckend gestaltet - schwer zu
beschreiben allerdings, man muss es
selbst sehen.
David Fincher ist sich jedenfalls
treu geblieben, was die Bildgestaltung
angeht: Wie bereits in seinen früheren
Werken, ganz besonders jedoch in Sieben, ist jeder Schauplatz
sorgfältig choreographiert, ausgestattet
und beleuchtet, jede Szene könnte als
Metapher oder Andeutung für Späteres
herhalten. Einzig und allein die
gelegentlichen, computergenerierten
Kamerafahrten durch virtuelle Mülleimer
und selbst gebastelte Bomben kommen etwas
zu eigennützig daher, zumal sie sich
bei allem Hingucker-Potential nicht
unbedingt auf dem technisch höchsten
Niveau befinden - wohl der Preis dafür,
wenn man kein 100-Mio.-$-Budget zur
Verfügung hat. Und noch eine Kleinigkeit
zum Schluss: Einmal erscheint ein Kino im
Bild, im Hintergrund zwar, aber dennoch
deutlich erkennbar, in welchem gerade Sieben Jahre in Tibet gezeigt wird.
Ein schmunzelnder Seitenhieb auf Brad
Pitts eigenes Schönling-Image, welchem
er nun wieder ein Stückchen entkommen
kann. Man darf auch nicht vergessen, dass
es ihm einspielstarke Edelschnulzen wie Legenden der Leidenschaft oder eben Sieben Jahre in Tibet erst ermöglichen,
auf den ersten Blick unpopuläre Stoffe wie Fight Club zu
verwirklichen, wo er auch erstmals seit Sieben beweisen kann, dass er ein
durchaus respektabler Schauspieler ist.